>>Ich bin ja wohl am Durchsten überhaupt<<, >>Ich bin ja wohl das Durchste überhaupt<< Ungefähr im Rahmen dieser Worte habe ich wohl zu mir selbst geflüstert, als ich auf dem Fahrrad saß und zurück zu meinem Wohnheim, am Rande des Morioka-Waldes, fuhr. Zuvor hatte ich gelacht und zwar mit einem ungläubigen Kopfschütteln, was wohl in seiner Essenz nicht stärker hätte sein können. Das Lachen allerdings war ein wirklich „Herzhaftes“ gewesen und wandelte sich danach, trotz großer Sehnsucht, die tief aus meinem Inneren drang, in ein zufriedenes Lächeln. >>Na siehst du…du kannst tief aus dem Herzen heraus lachen. Ist doch alles gar nicht so schlimm.<<
Einen Tag zuvor war ich in einem recht undergroundmäßigen Musikclub gewesen und hatte, den zweiten Freitag in Folge, eine junge Frau oder, für mich schöner, ein „Mädchen“ nicht aus den Augen lassen können. Wie sie tanzte…so natürlich. Ihre Augen zeigten Tiefe und ihre Bewegungen waren für mich anmutig und grazil, eine Augenweide, wobei die meisten sicherlich anders gedacht hätten. „Sie hatte was“ wäre vielleicht trotzdem aus den Mündern vieler erklungen, doch für mich war da viel mehr.
An diesem Tag saß ich wieder, gefesselt und gefangen, an einem Computer der Bibliothek und kam in eine schlechte Stimmung, weil ich das Gefühl hatte wieder nicht „voranzukommen“. Nicht etwa im Bezug auf die Leistungsgesellschaft, sondern im Bezug auf mich selbst. Und die Liebe, ja die Liebe…Wer kennt es nicht? Die Sehnsucht und das Streben nach der großen Liebe oder zumindest das Denken daran. Die, die erfüllt und Glück bringt, aber dennoch nicht blind macht. Die, die einen Zustand von Erleuchtung, das Erfassen des Universums, sprich Vollkommenheit bewirkt und die Zweisamkeit keine blockierenden, limitierenden Wirkungen hat. Glücklich sein, aber trotzdem, ohne Grenzen, nachdenken, etwas bewegen und diese Welt verändern können, da Ansporn, Wille und Tiefe noch immer so stark vorhanden sind wie beim „Alleinsein“.
So fuhr ich, mit einem Gefühl von Unzufriedenheit und Unmut, Richtung Kokai, einer Einkaufspassage mit zahlreichen, traditionellen Geschäften und Gemüsehändlern, deren Stände in garageartigen, zur Gasse hingerichteten Teilen gewöhnlicher Häuser oder Gebäude, die sich aneinanderreihten untergebracht waren. Ich dachte an dies und das und vor allem an sie. Und als der Gedanke immer klarer wurde, da…kam sie mir entgegen. >>Guten Tag!<< sagte ich und sie nickte mit der gleichen Art, die mich bereits einen Tag zuvor denken ließ >>Schwierig<< oder >>Mühe<<. Die Haare wirkten irgendwie anders als am gestrigen Abend, nicht so voll und nach hinten zu einem Knäuel gebunden anstelle nach unten gekämmt. Absolut in Verwirrung und mit zuvor selten erlebter Perplexität spuckte ich auf Japanisch nur ein >>Unglaublich…<< heraus und stellte wie von selbst auch mein Fahrrad vor dem Supermarkt ab, in dem sie, wie es schien, einkaufen wollte. Ein bisschen komisch wirkte es wahrscheinlich schon, da ich bereits an den Fahrradstellplätzen vorbei war und wieder umkehrte. Ich tat so als ob ich ganz normal einkaufen wolle, nahm einen Einkaufskorb, was auch sie tat, und gerade als ich sie ansprechen wollte ging sie, im Gegensatz zu mir, auf die Treppe zu den oberen Etagen zu. Ich hielt es scheinbar nicht für gut ihr zu folgen und so überlegte ich in aller Verwirrtheit was ich denn überhaupt kaufen könnte und lief absolut planlos durch den Supermarkt. Schließlich kaufte ich etwas, was ich immer kaufte und ging wieder nach Draußen, zu meinem Fahrrad.
>>Wie mach ich es nur? Wie stell ich es nur an? Das ist doch wohl kein Zufall…<<
Ein persischer Bekannter, der immerzu sehr hilfsbereit war und stets ein offenes Ohr hatte, lehrte mich einmal ein Sprichwort aus seinem Land: „Wenn du die Tür deines Hauses aufmachst und unter die Fußmatte guckst, dann ist da das Pech. Das Glück jedoch klopft nur einmal an deiner Tür und es liegt an dir es in dein Haus zu bringen. Es wartet nicht, es zieht weiter.“ Mehrere Male schon hatte ich es ziehen lassen und die Nachwirkungen Demotivation, Ohnmacht und Lethargie kamen so wie der Hang zur Resignation und Depressionen.
Ich musste wieder, nach langer Zeit, an dieses Sprichwort denken, da meine Gefühle „dieses Mal wirklich anders“ waren
. Ich überlegte wie ich möglichst clever und unauffällig die Zeit…Nein, zuerst dachte ich, ich warte und frage sie einfach nach ihrem Namen. Zunächst aber kaufte ich erst etwas Gemüse an einer „Gemüsegarage“, wo eine junge Frau sich sogar noch an meinen Namen erinnerte, der als Gesprächsinhalt eine Woche zuvor doch eher latent nebenbei gefallen war, als als ein Satz, an den man sich noch lange erinnern würde. >>…Ich bin ein bisschen klug…<< sagte die schielende, Tiefe Ausstrahlende, als ich mein Erstaunen über die vergewissernde Nachfrage in Bezug auf meinen Namen zum Ausdruck brachte. Diese Äußerung ihrerseits wirkte in keiner Hinsicht arrogant oder dergleichen, vor allem da es dieser Verbalität gar nicht bedurft hätte, um die Cleverness, Klug- und Keckheit zu erfassen, die dieser gute Mensch innehatte.
Nach dem optionalen Kleineinkauf ging ich zurück zu meinem Fahrrad, dann wieder etwas die Gasse hoch, schaute noch einmal bei einem Laden vorbei, bei dem ich sonst immer eingelegten Kohl kaufte und der sich direkt diagonal gegenüber des Supermarktes befand. Da der Besitzer gerade dabei war Feierabend und den Laden dicht zu machen, ging ich wieder die paar Schritte zurück und kaufte beim Gemüsehändler mit den Worten >>Aus Versehen vergessen.<< erneut etwas (allerdings konnte ich dieses Etwas für meinen Kochtopf eigentlich immer gebrauchen). In mir selbst vertieft ging ich geistesabwesend auf und ab, blieb bei meinem Fahrrad stehen, ging etwas vor und guckte durch das Supermarktfenster, wo mir eine Verkäuferin der Drogerieabteilung einen vielleicht skeptischen Blick zuwarf. Erst jetzt begriff ich, dass es ihr vielleicht unangenehm sein könnte. Also ging ich, jedoch nicht unbedingt in Rücksicht auf sie, zurück zu meinem Fahrrad und stellte mich, mit dem Versuch Mut anzusammeln, erneut in Richtung Supermarkttüre. War sie überhaupt mit einem Fahrrad gekommen oder hatte ich mich getäuscht? Recht viel Zeit war schon verstrichen. Hatte sie vielleicht durch eine andere Türe den Supermarkt schon längst verlassen?
Wie es der Zufall(…) wollte kam, nach einer Episode wortwörtlich Zeit vertreibendem, jedoch recht praktischen Kopfhörerentwirrens, eine andere junge Frau, die ich von meiner heimatlichen Uni kannte und es entwickelte sich, ich dachte zunächst zu meinen Gunsten, eine Alibikonversation dafür, dass ich noch immer vor dem Supermarkt stand. Ich redete absolut verplant an ihr vorbei und blickte verworren durchgehend Richtung Supermarkttüre. Da ich eigentlich nur ein äußerst geringes Interesse für die Person mit der ich sprach hatte, waren die Unkonzentration und das für mich selbst unnatürliche, krampfhafte Verhalten von doppeltem Ausmaß.
Gerade als sie mich nach einer Kontaktmöglichkeit fragte, schwebte der Engel in seinem schwarzweißen, nahezu barocken Rock wieder aus dem Supermarkt heraus. Ich schaltete alles um und sagte nur >>Ich muss jetzt aber mal weg!<< oder so ähnlich. Aber irgendwie verstand sie, die blonde junge Frau, das nicht und so wandelte sich die anfangs vermutete Gunst doch in eine kleine Hürde um. Das zierliche Mädchen, mit dem Rock natürlicher Art, nahm ihr Fahrrad, welches fast neben dem meinigen stand. >>Doch!… Natürlich!… Klar war sie mit dem Rad gekommen…sonst wäre sie doch gar nicht erst nach mir in den Supermarkt gekommen.<< Ich sagte noch einmal, vielleicht, aus der Perspektive des Gegenübers, noch plumper >>Ich muss jetzt weg<< (haha) und sah verzweifelt wie meine schwarzhaarige Braut auf ihr Gefährt stieg und einen unkalkulierten Weg einschlug. Ich schwang mich einfach auf das meine und folgte ihr um die Ecke. >>’Tschuldige…Entschuldigung!<< preschte es abwesend und unbewusst, in leiser Rufart aus meinem Mund. Sie drehte sich um und hielt an. >>Das ist vielleicht etwas direkt, aber darf ich Dich nach Deinem Namen fragen? << sagte ich geradewegs, einfach heraus. >>Aber natürlich!<< antwortete sie und sagte mir ihren Namen. Nanu, was war das für eine Stimme?… Die hatte ich aber ganz anders in Erinnerung und auch diese Tonlage hätte ich gar nicht erwartet dachte ich formlos. Mir kamen die ersten Zweifel, die eine Verwirrung mit sich brachten, die wahrscheinlich ihresgleichen sucht. Wir fuhren zusammen weiter und ich sagte, eingebettet in eine Art Selbstvorstellung, aus welchem Land ich kam. Sie erwiderte, dass meine Muttersprache ihr Hauptfach sei, was ich irgendwie erst später verstand. >>Du bist STUDENTIN?<< fragte ich sie verblüfft, mit dem Hang zum Verstehen. Gestern war sie laut Information eines Freundes noch Friseurin gewesen. >>Warst Du gestern im Janson?<< setzte ich fort. Sie sagte irgendetwas anderes, doch ich war so aufgelöst, dass ich fast gar nichts mehr registrierte. Aber die Konversation flutschte, floss und mir war nicht unwohl. >>Was ist Janson?<< fragte sie und ich verstand. Nein, sie war es nicht…aber woher? Woher kannte ich sie? Und vor allem, WIE konnte all das möglich sein?
>>Aber woher kennen wir uns denn? Wir haben bisher aber noch nicht miteinander gesprochen, oder?<< fragte ich, sagte ich halb, feststellend. >>Nur „Hallo“.<< entgegnete sie. >>Man, man entschuldige, ich bin ein Trottel…entschuldige<< lachte ich geistig und vielleicht auch physisch, kopfschüttelnd über mich selbst und meine Verpeiltheit, die erneut ein Ausmaß erreichte, mit dem ich wirklich nicht mehr gerechnet hätte. Sie fragte mich, wo denn der Club sei und ich sie, ob sie schon einmal da gewesen wäre und später des Weiteren, nachdem sie verneinte, ob sie denn schon einmal in einem anderen Club in der Stadt gewesen sei. Sie verneinte erneut, sagte jedoch, dass sie eigentlich schon seit längerer Zeit gerne einmal in einen gehen würde. Wir unterhielten uns folgend über Musik, welche jedoch nicht unbedingt in Verbindung mit der Clubthematik gebracht werden kann, außer dass es sich eben auch um Musik handelt – Klassik. Chopin, Schumanns Träumerei, Schubert und Erik Satie waren die Namen und Themen, die fielen. Bei Chopin kann ich nicht mal mehr als Dilettant gelten, aber Schumann und Satie brachte ich mit etwas Wissen und auch aufrichtigem Interesse mit ins Gespräch ein.
Später dachte ich darüber nach, ob ich denn auch bei ihr, für die das Desinteresse sich mit jedem Mal wo ich sie sah immer mehr herausstellen sollte, so sein könnte wie ich wirklich bin. Der Grund dafür lag wahrscheinlich darin, dass ich mir, die Anmut der zwei Freitage Janson in Folge betreffend, in meinen Gedanken schon wieder Wunschbilder ausgemalt hatte. Ferner, so denke ich, ist es grundsätzlich so, dass man nach längerer Zeit des geschlechtlichen Alleinseins und auch sexueller Enthaltsamkeit auf zweisamer Ebene, für „Vergucken“ und Illusionieren leicht „anfällig“ ist. Ich dachte erst, dass dieses Nachdenken das Niederschreiben dieser Zeilen wahrscheinlich noch überdauern würde, jedoch kam ich schließlich zu der schon lange überfälligen, endgültigen (Selbst)Erkenntnis, dass ich lernen müsse mich zu entfernen, vom sofortigen Nachdenken („Gucken“) oder, treffender gesagt, „Harschen, ob es was geben könnte oder nicht“. Menschen macht euch frei!!! Schlaft miteinander ohne zwangsmäßig in einer Beziehung sein zu müssen!! (auf einer passenden, angemessenen Ebene) Das erspart viel (Negatives). Und eine Menge großer, zivilisatorischer Probleme!
So fuhren wir noch einige Zeit nebeneinander her. Einmal schlitterte ich mit dem Reifen am Bordstein, kurz danach sie. Bis vor ihre Haustüre begleitete ich sie, das Mädchen mit dem gestellten, fassadenhaften und leicht krampfhaft gezwungenen Lächeln, wo sie mich über-raschenderweise nach meiner Nummer fragte. Ich gab ihr ersatzweise meine Emailadresse. Nachdem wir uns verabschiedet hatten fuhr ich den Weg wieder zurück – lachend und meiner Geisteswelt Nichtsfassen und die temporäre Unfähigkeit, Aufzurollen und etwas Treffendes zu sagen entgegenbringend. Nachdenklich stimmte mich das Ganze allerdings schon, jedoch keineswegs negativ. Wie war es möglich gewesen, dass ich SIE für SIE hielt? Waren sie sich ähnlich? Ich glaube eher weniger. Was war da also nur passiert? War es soweit gekommen, dass ich eigentlich in der Lage wäre mich nach all der Pein in etwas reinzusteigern, sobald mir die Ausstrahlung und das Aussehen einer Frau gefielen. Allerdings würde ich wahrlich und sicherlich mit mehr Frauen schlafen, als ich eine ´Beziehung` eingehen würde.
Am Ende des Tages besinnt man sich wieder zurück auf die Eine, die aus der Jugend vielleicht…das erste und eventuell auch einzige Mal wenn man das Gefühl hat, dass man jemanden mehr liebt als alles andere, als sein eigenes Leben. Aber ist auch diese Besinnung vielleicht nicht nur ein Hineinsteigern, weil es mit der, die man momentan „wirklich“ begehrt irgendwie nicht zu klappen scheint oder einfach niemand kommt? Ich weiß es nicht…kann es nicht glauben, weil ich an etwas anderes glaube oder ich glaube es nicht, weil ich Angst habe.
Schließlich begann ich mich bis zu dem Punkt zu fragen, ob ich denn wirklich „heterosexuell“ bin, wobei ich denke, dass jeder denkende Mensch irgendwann zu dem Ergebnis kommen dürfte, dass diese Bezeichnungen ausschließlich ein Produkt und eine Illusion unserer Zivilisation sind.
Der Wunsch, das Sehnen und das daraus werdende Streben nach Liebe, DER Liebe.
Die Kraft der Sehnsucht. Mächtig, suggestiv, gefährlich, manipulierend, weisend?