Kokura – selbst jemandem, der Japan kennt, ist dieser Ortsname vielleicht kein Begriff oder zumindest keiner, den man mit etwas Besonderem verbindet. Für mich jedoch hat diese Gegend eine besondere Bedeutung. Besonders traurig? Prägend? Besonders glücklich?… Ich weiß es noch nicht.
Auf jeden Fall weiß ich, dass ich so traurig und enttäuscht von mir bin, dass ich weder weinen noch lachen kann. Nichts ist da. Nichts außer Sprachlosigkeit und Leere. Ich schreibe diese Zeilen, weil ich hoffe, dass das Internet und somit die Technologie auch auf menschlichbeziehungstechnischer Ebene „doch“ von Nutzen sein, sprich helfen kann.
Am Freitag, den 27.3.2009, gegen 17:20 Uhr, stieg sie, ein oder zwei Stationen nach Kokura, in den Zug Richtung Hakata ein. Während des Einsteigens blickte sie mich lächelnd an, stellte sich dann mit dem Gesicht dicht vor die Türe, in deren nächster Nähe ich stand, und blickte nach Draußen. Eine längere Strecke mit dem schönen Blick auf einen von Sonne beschienen, waldigen Berg und später ein Vergnügungspark ist mir noch in Erinnerung (ich glaube es war Space World). Ein oder zwei Stationen danach muss sie wohl ausgestiegen sein, obwohl ich auch das mittlerweile anzweifele. In den zehn(?) Minuten, in denen sie neben mir stand, ging mein Zeitgefühl absolut flöten und besagte Periode kommt mir im Nachhinein vor wie ca. 30-45 Minuten. Zeit ist relativ – das kommt einem hier immer wieder in den Sinn. Schon bereits kurz nachdem sie ausgestiegen war dachte ich, dass es wohl einer der verheerendsten Fehler meines Lebens gewesen war, sie nicht anzusprechen oder sogar direkt mit auszusteigen. Warum nur? Warum?
Sie trug eine normale, nicht besonders weite Jeans, die sie etwas hochgekrempelt hatte und ich glaube beige, hohe Converse. Sie hatte dunkle, lange Haare, einen pink I-Pot und eine schwarze, rucksackartige Tasche mit einem kleinen weißen Emblem, das aus dem Schriftzug „Manhattan“ und gestickten Wolkenkratzern bestand. Die Beine hatte sie durchgestreckt. Japanerin? Kann sein, kann aber auch nicht sein. Halbjapanerin? Kann sein, kann aber auch nicht sein. Der „Style“ war auf jeden Fall keiner, den ich bisher oft bei japanischen Frauen bzw. Mädchen gesehen habe. Auch die Augen waren nicht unbedingt erkennbar asiatisch.
Beim Ausstieg lächelte sie in die Scheibe der Zugtüre, sodass ich ihr gespiegeltes Lächeln sehen konnte. Ich glaube das Lächeln beinhaltete in seiner Essenz etwa so etwas wie „Blödmann“ oder „Bist du ein Idiot, dass du nicht aussteigst oder sonst etwas getan hast!“.
Am Nächsten Tag fuhr ich von Hakata weiter Richtung Süden, down. Ich dachte schon öfters vieles, aber in diesem Moment fühlte ich ganz tief diesen schwerwiegenden Fehler. Ich schrieb allerlei in mein Notizbuch und nach einer Zeit kam ich zu einem Ergebnis, welches in meiner Situation, zumindest etwas später, recht hilfreich war. Einige Wochen zuvor hatte ich ein nicht besonders dickes Buch von Inoue Yasushi in ca. drei Zügen ausgelesen. Eine Quintessenz des Buches war, dass die meisten Menschen zwar geliebt werden wollen und dann auch zurücklieben, aber die bedingungslose Liebe geben, um zu geben, nicht um zu erhalten, das tut fast niemand. War es nicht auch bei mir wieder erneut so gewesen, dass ich nicht daran gedacht hatte, dass ich Liebe geben möchte, sondern mehr an das Erhalten? Allerdings hatte ich bisher noch gar nicht an Sex mit der jungen Frau gedacht, was davon zeugte, dass ich ganz und gar von ihrer geistigen Wirkung angezogen war.
Trotz guter geistiger Fortschritte war ich sauer, sauer über den Einfluss der Normen, Werte und die ‚Erziehung’ (besser „Konditionierung“), welcher der Zivilisation beiliegen und die unserer Natur absolut widersprechen. Wenn es nach meinem inneren Wunsch gegangen wäre, dann hätte ich sie angesprochen, aber dann drangen wieder die Blockaden wie schleierweiße Energiestriemen von Außen in mich ein und legten mir Fesseln an. „Man kann doch hier nicht einfach so jemanden ansprechen“ oder „Du kannst sie doch nicht einfach so ansprechen“.
Warum dieses Denken? Woher kommt dieses Denken? Ich verfluchte diese Welt wieder einmal. Anstelle zu reden kappselten wir uns beide mit Stöpseln in unseren Ohren ab…oh, nein.
Dann kam ein anderer Pfeil, der mir „einschießen“ wollte, dass sie durchgedrückte Beine habe und deswegen doch nicht so ansprechend sei wie auf den ersten Eindruck…unglaublich. Als ich darüber im Nachhinein reflektierte, kam ich zur reinen Wahrheit, dass es mir angesichts ihrer Wirkung auf mich scheiß egal ist, wie ihre Beine konstituiert sind. Die Wut über die vom Umfeld suggerierten Schönheitsideale und deren konditionierend beeinträchtigenden Wirkungen wuchs weiter.
Mir schweiften jedoch noch weitere andere Gedanken durch den Kopf wie z.B. „das geschlechterspezifische Wesen/Verhalten der Frauen“.
Hatte ich vielleicht so oder so schon aufgegeben? Wartete ich nicht darauf angesprochen zu werden, weil ich die Konvention oder verbreitete Norm, dass „der Mann“ stets die Lage ergreifen und Ansprache leisten muss, total bescheuert fand. Andererseits: War ICH es nicht der etwas wollte? Trotzdem besteht zumindest das Image, dass der Großteil der Frauen, solang nicht lesbisch veranlagt, erwarten, dass „der Mann“ den ersten Schritt unternimmt. Ich dachte nach und merkte, dass ich mich nicht so gut in Frauen hineinversetzen konnte wie in Männer.
Es gibt definitiv Unterschiede die nicht nur physischer Natur sind. Wie ticken „sie“? Was denken „sie“? Es ist ganz logisch. So wie der weibliche und männliche Körper sich unterscheiden, so bestehen auch selbstredend auf geistiger Ebene einige fundamentale Unterschiede, nicht zuletzt, weil Körper und Geist ja doch irgendwo zusammengehören.
>>Die Zeit heilt alle Wunden…oder zeigt wie tief diese sind<< dachte ich. >>Was hilft da schon vor die Stirn hauen? Eigentlich hilft da gar nichts außer…scheiße, das ist wohl ´essenzielle` Verzweiflung.<<
Auf den Tag genau, Freitag, eine Woche später, machte ich mich auf den gut vierstündigen Weg Richtung Kokura, um in den vermutet gleichen Zug wie eine Woche zuvor zu steigen, in der Hoffnung, dass sie Gleiches tat. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte ich es bereut und wäre auf unbestimmte Zeit in schaffungsunfähiger Lethargie versunken, weil ich meiner Intuition nicht nachgegangen wäre bzw. es nicht einmal versucht hätte und ich als Ganzes und mit allem was in Form von Expression aus mir dringt, sehr fragwürdig gewesen wäre.
Aus vielschichtigen und vor allem guten Gründen, deren Erläuterung zu viel Raum erfordern würde, zahlte ich für diesen Zugtag 640 Yen (ca. 3 Euro) und fuhr somit für ca. 80 Euro schwarz. Oder kann man es hinsichtlich des japanischen Bahnfahrtzahlungssystems gar nicht so nennen? Eigentlich ist es nämlich gar nicht möglich schwarz zu fahren, da man seine Fahrkarte am gewünschten Zielort zum „Auschecken“ benötigt. Da ist das japanische System wirklich sehr praktisch; Wenn man einfach nur etwas gucken möchte, ohne plant den Bahnhof zu verlassen, ist eigentlich alles sicher. In den normalen Zügen wird nämlich nicht kontrolliert. In dieser Situation kam mir wirklich der Terminus „Das Land der Götter“ in den Mund und brachte mich doch sehr zum spitzbübischen Schmunzeln.
Ich traf bereits gegen 16:00 Uhr in Kokura ein, was jedoch nicht mit „überpünktlich“ ab-zuwerten ist, da ich eine freundliche, hilfsbereite Person traf und mir in englischer Sprache Sätze von der Seele sprach, die eigentlich alles gut zusammenfassten, was mich in den letzten Tagen beschäftigt und nicht losgelassen hatte. Somit gebar sich ein verbaler, gesund ordnender Überblick. >>Was uns seitens der Zivilisation anerzogen wird…das ist absolut gegen die Natur. Wir tun Dinge nicht, die uns eigentlich gut tun und niemandem schaden würden, weil wir beigebracht bekommen, dass man das nicht macht oder weil das „so“ und nicht anders zu sein hat oder gemacht werden muss, „weil das so ist“.<< Nachdem ich ca. 1 Minute spontan alles rausgelassen hatte, lachte der junge Mann aus Quebec, der die schulterlangen, hellblonden Haare zu einem Zopf zusammengebunden hatte und nickte zustimmend mit einem fast schon etwas verbitterten Ausdruck, anhand dessen sich hätte vermuten lassen können, dass sich meine Sätze um ein Thema oder besser eine Sache drehten, derer bezüglich er schon lange aufgegeben hatte.
Ich stieg, ohne hundertprozentig von der Übereinstimmung in Bezug auf die vorige Woche sicher zu sein, in den Schnellzug um 17:14 Uhr. An jeder Station stieg ich aus, um ein Stück zu den hinteren Abteilen zu rennen und diese nach ihr zu durchsuchen. Eine Station nach Space World stieg ich an der Station aus, an der ich ihren eine Woche zurückliegenden Ausstieg vermutete und wartete noch zwei Züge ab, um letzthoffend zu schauen, ob sie ausstieg, vom Nebenjob, vom Sport oder von sonstigem Regelmäßigen kommend. In den zweiten dieser zwei Züge stieg ich ein und machte mich auf den Heimweg.
Ich habe lange, dunkelblonde Haare, bin dünn und ca. 1,80 Meter groß. Zu dieser Zeit hatte ich einen so genannten Schnurr- und Kinnbart (Ziegenbart klingt bescheuert). Meine Augen sind etwas schlitzartig. Ferner hatte ich einen, überwiegend roten, Rucksack und eine große dunkelblaue, quaderartige Rollreisetasche bei mir. Meine Jacke war schwarz, meine Hose eine weite blaue Jeans. Bitte melde Dich.
Schlagworte: Blockaden, Denaturalisierung, Echtheit, Entmenschung, Glaube, Glück, Liebe, Psychologie, Wünsche, Wunsch